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Müßiggang ist aller Fitness Anfang
Die meisten Menschen können sich nicht mehr entspannen: "Wir müssen lernen, das Nichtstun als Wert zu genießen und uns aktiv zu erholen."

Plädiert für Entspannung durch Bewegung: Henning Allmer, Professor für Psychologie an der Sporthochschule Köln
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Ihre Aussage, 70% der Deutschen könnten sich nicht mehr entspannen, paßt so gar nicht zu dem Ruf nach Länger Arbeiten, Urlaub kürzen und Feiertage streichen. Gibt es eine Erklärung, warum das Loslassenkönnen bei uns Deutschen so schlecht klappt?
Professor Henning Allmer: Erholung ist hier zu Lande kein Thema mehr. Das Leben besteht mehr aus Stress, Arbeit und Leistung, es ist ja sogar mittlerweile ein Markenzeichen geworden, sagen zu können: Ich bin mal wieder im Stress.
Und warum gelingt das Abspannen Frauen noch schlechter als den Männern?
Allmer: Zum einen weil sie nach der Arbeit immer noch die Doppelbelastung Kinder und Hausarbeit haben. Und zweitens haben die Frauen offenbar ein grundsätzliches Problem, eine einmal begonnene Arbeit einfach zu unterbrechen und bis nach einer Pause liegen zu lassen.
Was versteht man rein wissenschaftlich unter Entspannung?
Allmer: Es gibt zwei unterschiedliche Formen. Einmal die passive Entspannung, wo man die Füße hoch legt, fernsieht oder in die Kneipe geht. Die andere, die aktive, ist bei weitem erholungsgünstiger – Spazierengehen, Sport treiben oder auch Schach spielen. Bei körperlicher Belastung werden Regenerationsprozesse aktiviert und Stoffwechselschlacken, wie Milchsäure, abgebaut. Erholung, rein medizinisch betrachtet, bewirkt also das Rückschwingen physiologischer Prozesse. Auch bei geistigen Tätigkeiten werden im Übrigen Stoffwechselprodukte im Gehirn verbraucht, die bei einer besseren Durchblutung im Gehirn wieder aufgebaut werden können. Dazu braucht es allerdings wieder die aktive Tätigkeit.
Also nach der Arbeit besser ins Fitness-Studio als mit Kollegen auf’n Bier?
Allmer: Nicht notwendigerweise. Fitness-Studio an sich ist schon begrüßenswert, aber es darf selbst nicht zum Stressfaktor werden. Um zu regenerieren, sollte man nicht an seine Leistungsgrenzen gehen, sondern moderate sportliche Tätigkeiten wie Laufen und Radfahren betreiben, die regen auf sanfte Art den Kreislauf an.

Entspannen – einfach auf die faule Haut legen und sich in Wellness-Oasen wie der des Südtiroler Hotels Excelsior verwöhnen lassen oder... ( Foto: djd/Hotel Excelsior )
Das heißt aber auch, für Sportbeginner kann Sport noch keine Erholung sein?
Allmer: Nein, das muss es nicht sein. Selbst Anfänger können sich über Bewegung erholen, allerdings sollte diese auf niedrigem Niveau ausgeführt werden. Es gibt ja etliche Leute, die sagen, Sport ist ihnen zu anstrengend. Das ist aber der völlig falsche Ansatz. Es kommt immer darauf an, wie hart man, den jeweiligen Sport betreibt. In Maßen ausgeübt und immer dem Tagesniveau angepasst, ist Sport immer Erholung.
Bei was entspannt der Deutsche normalerweise am liebsten?
Allmer: An allererster Stelle steht Fernsehen, Musikhören und Bücherlesen. Erst an siebter oder achter Stelle rangieren spazieren gehen und Sport treiben. Inaktive Erholung, in der Badewanne liegen, scheint den meisten wichtiger.
Gibt es unterschiedliche Entspannungstypen: Der eine braucht die Bewegung und den Aktionismus auch bei der Entspannung, für den anderen erfüllt die Badewanne denselben Zweck?
Allmer: Es gibt Menschen die sprechen mehr auf Bewegung an und die erholen sich auch am besten, wenn sie aktiv sind, das stimmt. Andere, die eine Abneigung gegen Bewegung haben, erholen sich dabei auch nicht so gut. Für diese Personen eignen sich eher klassische Entspannungstechniken. Diese sind auf alle Fälle wirksamer als bloß die Füße hochzulegen.
Entspannung hat ja wohl viel mit Loslassen können zu tun, welche Entspannungsstrategien schlagen Sie vor?
Allmer: Yoga, Autogenes Training, Meditation eignen sich gut, dafür muss man aber wirklich einen Kurs besuchen. Was ich immer empfehlen würde, ist die progressive Muskelrelaxation. Das ist ein Verfahren, das man sich selbst erlernen kann. Da werden Spannungen und Entspannung ganz unmittelbar erlebt. Ein Beispiel: Sie spannen die Faust für 5 bis 6 Sekunden ganz fest an, fester, immer fester, bis es fast schmerzt und dann lassen sie los und merken richtig, wie sich Entkrampfung anfühlt. Und dann wechselt man auf die andere Faust, den Arm, das Gesicht und bekommt auf diese Weise einen neuen Bezug zu Verkrampfungen und Lockerungen.

...entspannen auf die aktive Art. Bei Kursen wie "Yoga für alle" lernen stressgeplagte Menschen Entspannung durch Anspannung. ( Foto: djd/Staatsbad Meinberg )
Lässt sich der Entspannungsbedarf überhaupt quantifizieren. Wenn ja, wie sieht das im Idealfall aus?
Allmer: Da gibt es sicher von Mensch zu Mensch Unterschiede. Aber wenn man merkt, dass sich Stress aufbaut, Verkrampfungen oder Ermüdung einstellen, dann sollte man für drei bis vier Minuten Entspannungstechniken in seinen Alltag einbauen. Wer über den ganzen Tag nichts tut, nur abends entspannen möchte, braucht entsprechend mehr Erholungszeit.
Warum ist Entspannung überhaupt so wichtig für den Organismus?
Allmer: Entspannung ist eine notwendige Tankstation im Tagesablauf. Egal, was man macht, ob es eine hoch konzentrative Arbeit ist oder eine körperliche, man belastet sich und die Ermüdungsprozesse nehmen zu. Der Körper kann wie ein Auto auch nicht immer auf Höchsttouren laufen, irgendwann ist der Brennstoff alle.
So gesehen ist Erholung auch Gesundheits-Prävention?
Almer: Wer eine vernünftige Beziehung zwischen Belastung und Entspannung bekommt, tut sehr viel für seine Gesundheit. Herzinfarktpatienten sind in aller Regel unfähig, abzuschalten.
Auf dem Papier arbeiten die Deutschen weniger und vor allem auch körperlich weniger anstrengend als noch vor ein paar Jahrzehnten, warum fühlen sie sich dennoch gestresster?
Allmer: Die Arbeitsbedingungen haben sich dahingehend verändert, dass wir uns alle zu einseitig belasten. Denken sie nur an die Bildschirmarbeit. Geistig hochkonzentrativ, aber arm an Bewegung. Bei vielen Jobs wie dem des Kassierers kommt noch eine große Monotonie dazu. Und für alle Jobs kennzeichnend ist der Bewegungsmangel. Wir haben kein vernünftiges Verhältnis zum Nichtstun mehr. Oft sind in der Freizeit die Termine noch enger geknüpft als während der Arbeit. Feierabend ist ein veralteter Begriff, heute gibt es ein Reizüberangebot.
Langeweile ist verpönt. Vermutlich hat der Freizeitstress aber auch mit der Fülle an Kommunikationsmitteln zu tun, der ständigen Erreichbarkeit. Die Leute haben das Gefühl, immer im Einsatz zu sein.
Allmer: Für mich kann die Konsequenz nur heißen: Lernen, das Nichtstun als Wert zu genießen. Weg von der Erlebnisorientierung hin zum Müßiggang, der eben doch kein Laster ist. Den inneren Punkt finden.
So betrachtet, ist richtiges Entspannen mehr als ein bisschen Pause für die Seele – es bedeutet eine neue Lebenseinstellung?
Allmer: Völlig korrekt. Und das müsste im Grunde auch Auswirkungen auf den gesamtgesellschaftlichen Stellenwert haben: Der Ausgeglichene sollte deutlich mehr toleriert werden als der jenige, der immer kopflos durch die Gegend rennt und einen Termin nach dem anderen abklappert. Wer einmal nicht erreichbar ist, gilt heute ja als out. Dabei ist dieses mal die Tür zu machen, das Telefon ausstöpseln, das Handy vergessen, ganz ganz wichtig, um auf sich selbst runter zu kommen. Und das ist schließlich unser höchstes Gut. ME
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     [07.02.2005]
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