
"Drei mal Waschen - Schneiden - Legen bitte!"Chinesische Frisörgeschäfte: Sie sind riesig - sie sind winzig. Sie sind laut - sie sind leise. Es gibt auf einer Strasse zehn - in zehn Strassen nur einen. Aber wenigstens das: Sie sind immer geöffnet. Und mindestens einmal sollte man da gewesen sein!
Anzeige Den ganzen Tag in Peking unterwegs gewesen, scheint es uns genau das, was wir jetzt brauchen. Wohlfühlen beim Figaro. Da nicht jeder Chinese englisch spricht und wir es wagen werden, die Schere ins Spiel zu bringen, entscheiden wir uns für einen der größeren Läden. Schließlich wollen wir die Folgen eventueller Kommunikationsprobleme nicht auf unseren Köpfen herumtragen müssen.
Bereits am Eingang empfangen uns mindestens fünf chinesische Frisöre, die Lärm für zwanzig machen. Aufgeregt wirbeln sie durcheinander - drei europäische Köpfe! - Ihr Ergeiz ist geweckt! Im Inneren des Frisörsalons schlägt dann der anfängliche Wirbel in Ruhe und Gelassenheit um. Da wir schon viel von den angenehmen "Extras" gehört haben, fragen wir zunächst, ob es den Haarschnitt wirklich inklusive einer Kopf-Nacken-Arm-Hand-Massage gibt. Dies beantworten uns die Friseure mit einem ganz selbstverständlichen Kopfnicken.
Der Preis ist niedriger als ein Sparmenü und schon sitzen wir auf den Stühlen. Oder besser: Einer Mischung aus Liege- und Schaukelstuhl. Sie und unsere Frisöre sollen uns ganz wunderbare 60 Minuten bescheren. Wir werden in schwarze weiche Umhänge gesteckt. Die Friseure binden sich einen Mundschutz um - "Operation Haareschneiden" kann beginnen.
Zuerst genießen wir drei Kopfmassagen am Stück mit verschiedenen exotisch duftenden Shampoos. Danach bekommt auch der Nacken seine Wohltat. Mit geschlossenen Augen selig träumend lassen wir uns verwöhnen. Alles, was wir noch voneinander hören, ist ein kurzes "Mmmhhh, was machen sie gerade mit dir?" "Ahh, bin jetzt bei den Armen." Unsere Friseure bewegen sich langsam und sanft. Sie legen unsere Hände zurück auf den Stuhl, als wären wir Babys. Unsere Ringe und Uhren nehmen sie uns behutsam ab. Sandras Armband, dass ihr ein Mönch im Lama Tempel ohne Worte schenkte, belassen sie ganz selbstverständlich am Arm und schenken ihr nur ein kurzes, wissendes Lächeln. Es folgen Finger und Gesicht. Nach ungefähr 40 Minuten schweben wir zum Schneidestuhl. Annes Friseur sieht aus wie John Lennons Sohn, mit akkuratem rotbraunen Beatle-Toupé. All unsere Muskeln sind locker wie frisch aufgeschüttelte Kopfkissen. Nach zwei kurzen Handbewegungen wissen sie, was wir möchten.
Normalerweise beobachten wir eher ängstlich, was mit unseren Haaren passiert ist. Hier übergeben wir ihr Schicksal zuversichtlich in die Hände von John Lennon jr. und Band. Nicht zu unrecht. Noch nie wurden wir so liebevoll und freundlich frisiert. Es scheint, als bekäme jedes unserer Millionen Haare seinen eigenen kleinen Friseurbesuch. Zwischendurch immer wieder ein zurückhaltendes, fragendes "So?"- Lächeln im Spiegel. Nach weiteren 20 Minuten fühlen wir uns wie die Stars von Peking. Die Mannschaft betrachtet stolz ihr Werk und ist sichtlich erfreut über unsere zufriedenen Gesichter. Wir verlassen leichtfüßig den Laden und bedauern es, dass Haare über Nacht nicht sofort wieder wachsen!
Clubs und Bars von Peking, wir kommen!
PS: Egal ob ihr euren perfekten Haarschnitt schon gefunden habt, ob ihr kurze oder keine Haare habt, lasst euch die Massagen nicht entgehen!!!
Camellotten goes Shaolin- Übung macht den Meister! Durch Peking wabern Nebelwolken und sammeln sich wie eine große Glocke über der Stadt. Es ist noch sehr früh am Morgen. Die Sonne hat noch nicht ihre Stärke, mit der sie Peking tagsüber in eine hitzeflirrende Großstadt verwandelt. Wir brechen auf zu den riesigen Parkanlagen vor den Toren der verbotenen Stadt. Begleitet werden wir von Ben. Er ist Amerikaner und hat die letzten acht Monate in einem der Shaolin-Tempel Chinas mit den Mönchen gelebt und trainiert. Dort aufgenommen zu werden, ist eine große Ehre. Die Shaolin trainieren täglich acht bis zehn Stunden. Ihr Tag beginnt um 5:30 Uhr und baut sich aus einem Programm aus Meditation, Athletik und dem Studium der verschiedenen Kampfstile auf. Der Weg zur Vollkommenheit ist unvorstellbar weit und beginnt zu nachtschlafender Zeit
Durch seine zehnjährige Erfahrung ist er einer der Besten und wird uns in die Kunst seines Sports einführen. Nach einem kurzen Weg kommen wir im Park an. Ben erklärt uns viel über den historischen Hintergrund und die Bedeutung des Kampfsports in China. Jetzt geht es endlich los!
Wir lernen die erste Übung aus der Aikido Lehre. Eine Standhaltung um den Körpermittelpunkt zunächst zu finden und dann so zu festigen, dass man die Spannung über Stunden halten kann. Wir sind nahezu in der Lage, so zu stehen, wie Ben es möchte. Doch nach wenigen Minuten, brennen die Muskeln unserer Beine so sehr, dass wir lachend versprechen, ab sofort jeden Tag ein paar Minuten zu üben, um unsere Muskeln zu stählen.
Ben merkt schnell, dass es mit unserer Kraft nicht ein Zehntel so gut bestellt ist, wie mit seiner. Lächelnd schlägt er vor, es als nächstes mit ein paar Tai-Chi-Übungen zu versuchen. Dabei benötigen wir zwar nicht unsere frisch trainierten Oberschenkelmuskeln, aber wir müssen die innere Spannung finden. Wenn man die chinesischen Menschen beim Tai-Chi beobachtet, entdeckt man eine ungeheure Grazie in ihren locker fließenden Bewegungen. Nachdem wir es unzählige Male wiederholen, kommen wir dem langsam ein bisschen näher. Um uns herum hat sich bereits eine Traube aus lächelnden Chinesen gebildet.
Ein großer blonder Mann und drei europäisch aussehende Frauen beim Tai-Chi - ein Bild, das man in Peking höchstens einmal im Jahr bestaunen kann.
Ein älterer Mann, der um die 80 Jahre alt aussieht, gesellt sich zu uns. Nachdem er seine anfängliche, für die Chinesen typische Zurückhaltung abgelegt hat, beginnt er Ben zu unterstützen. Wir vier üben und üben mit höchster Konzentration, bis langsam die Sonne über Peking aufgeht und der neue Tag anbricht.
Alle möglichen Fahrzeuge und Menschen beginnen durcheinander zu strudeln und zu strömen, wie das Wasser in einem großen Fluss.
Wir sind erschöpft - aber glücklich. Auf dem Rückweg vom Hotel schweben wir auf unseren Fahrrädern dahin und Ben schaut wie ein stolzer Vater, der seinen Kindern das Radeln ohne Stützräder beigebracht hat.
Die Grazie der Chinesen haben wir noch nicht erreicht. Aber versprochen: Spätestens in drei Monaten, könnten wir auch ihm ein breites Lächeln aufs Gesicht zaubern! LP
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