
Julia hat einen Abend bei Fastflirt verbracht: Es ist einer dieser Augenblicke in denen ich denke: ´Gott sei dank bin ich eine Frau´. Ich kann hier im Café Reitschule an meinem Tisch sitzen, am Prosecco nippen und Süßigkeiten naschen, um meine Nervosität zu überspielen. Und hinter meiner Trutzburg die armen Männer taxieren, die verlegen Löcher in die Luft starren, scheinbar alle drei Sekunden vergessen, welche Information ihr letzter Blick auf die Armbanduhr preisgab oder das Kneten der eigenen Hände zu ihrem neuen Hobby erküren. Vom Modell Sparkassen-Azubi über den Surflehrer-Typ, den Solarium-Macho und dem Jung-Manager müsste hier doch eigentlich für jeden Frauen-Geschmack etwas dabei sein. Wir werden sehen. Hoffentlich bald, denn mein Glas Prosecco ist fast leer.
Anzeige Dämliche Anmachen oder Blinddates im Internet 20 Frauen sollen es heute Abend innerhalb von zwei Stunden mit 20 Männern tun – Reden natürlich, oder was dachten Sie denn? Ich habe, nach vier frustrierenden Monaten auf dem Freien Markt beschlossen, etwas Neues auszuprobieren und mich für nur 20 Euro unter www.fastflirt.de bei einem neuen Dating-Service angemeldet. Was zuvor geschah waren dämliche Anmachen in der Disco und schlimmer noch Blinddates übers Internet. Offensichtlich bearbeitet jeder der Männer, der sich im Internet präsentiert sein Bewerbungsfoto am PC mit sämtlichen Filtern eines professionellen Bildbearbeitungsprogramms, denn keiner der Typen, die ich in Cafés in Natura traf, sah dem Abbild in meinem e-mail-Posteingang auch nur ansatzweise ähnlich.
"Mein erster Fastflirt"
Heute dagegen, bei meinem ersten Fastflirt, sehe ich bereits vor dem ersten Satz, was mich erwartet. Und egal ob der Mann langweilig wie ein Toastbrot oder spannend wie ein Roman ist – ich werde genau sechs Minuten mit jedem von ihnen reden. Dann ertönt ein Gong – wie passend: Ring frei für die nächste Runde im verbalen Schlagabtausch. Mein erster Sparring-Partner geht schon nach seinen ersten Sätzen K.O.: "Tolle Brüste, falls die echt sind." Danke, aber wenn ich das hören will, kann ich auch weiter in der Disco suchen. Die nächsten fünf Minuten verbringe ich mit artigem Kopfnicken, dem Bewundern meiner eigenen Schuhe und der Erkenntnis, dass Salzstangen besser schmecken als ich in Erinnerung hatte. Endlich der Gong. "Nein", kreuze ich auf meinem Notiz-Zettel an. Die Nummer Eins dieses Abends wird sicher nicht die Nummer Eins in meinem Leben.
Es kann nur besser werden... ... denke ich und mein nächstes Gegenüber liefert den Beweis. Mit ein bisschen gutem Willen sieht der Typ aus wie der ältere Bruder von Leonardo di Caprio. Das Leben ist ein schlechter Drehbuch-Autor. Der Leonardo-Doppelgänger ist Bademeister. Sofort fällt in meinem Herz eine Tür zu, vor der mein Gegenüber steht und klingelt. In meinem Kopf sehe ich ihn mit geschwellter Brust über den Laufsteg namens Beckenrand stolzieren, beobachtet von schwimmenden Frauen, die sich wünschen, einen Krampf zu bekommen und um Hilfe rufen zu dürfen. Trotz aller Klischees: Sollte ich Mister Baywatch eine Chance geben? Bevor ich mir diese Frage beantworten kann, reißt mich der Gong aus meinen Gedanken.
Nervöser Gesprächspartner stellt Kinderfragen Aller guten Dinge sind Drei? Ich glaube nicht. Mein dritter Gesprächspartner wirkt so nervös, als würde er zum ersten Mal mit einer Frau reden. Er rutscht unruhig auf seinem Stuhl hin und her wie ein kleiner Junge, der endlich weg will von der Tante. Er stellt der Tante fragen, die er offensichtlich aus einer Jugendzeitschrift abgeschrieben hat: "Was ist deine Lieblingsfarbe?", "Hast du ein Haustier?", "Magst du Sushi?" Rot, Hund, Ja. Die sechs Minuten vergehen wie im Flug. Allerdings wie in einem Interkontinental-Flug in einer Chessna. Mitleid ist keine Basis für eine Beziehung., denke ich, mache innerlich ein Kreuz und äußerlich ein Kreuzchen.
Last but not least
Sparkassen-Filialleiter, erkenne ich sofort, als mein nächstes Blind Date Platz nimmt. Sparkassen-Filialleiter mit George Clooney-Lächeln, muss ich ergänzen. Der Sparkassen-Filialleiter ist in Wirklichkeit Content Manager bei einem Fernsehsender. Und den Anzug findet er genau so Panne wie ich. Das macht ihn sehr sympathisch. Ganz zu schweigen von seinem George Clooney-Lächeln. Diesmal bin ich es, die nervös auf dem Stuhl herumrutscht, bis der Gong erklingt. Wie die Zeit vergeht, wenn man Spaß macht. Ich verabschiede mich mit einem Lächeln, dass so aussehen soll wie das von Cameron Diaz. "Ich hoffe, wir sehen uns wieder.", meint George, der eigentlich Andreas heißt. Ich lächle nur vielsagend mein Cameron Diaz-Lächeln, denn Frau muss ja geheimnisvoll bleiben.
"Julia? Ein schöner Name. Darf ich dein Romeo sein?", fragt mich mein nächster Tischpartner. Wie originell. "Das hat noch keiner zu mir gesagt.", lüge ich und unterdrücke ein Gähnen.
Sind Frauen zu kritisch? Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass jeder der zwanzig Männer, die sich an meinen Tisch setzen, mich gerne wieder sehen würde. Sind Frauen kritischer bei der Partnersuche als Männer? Ich jedenfalls habe nach zwei Stunden drei Kreuzchen gemacht. Über Kandidat Nummer 20 würde ich gerne herausfinden, ob stille Wasser tief sind. Den Content-Manager mit dem bezaubernden Lächeln würde ich gerne fragen, ob er Sushi mag. Und dem Leonardo-Bademeister würde ich mich gerne im Bikini präsentieren, damit er sich nicht fragen muss, ob meine Brüste echt sind. Das Leben ist voller Möglichkeiten. Danke für den netten Abend, Fastflirt! RS
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