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25.05.2012
00:47Uhr

Wenn der Berg ruft: Teil 6
Zwischen Faszination und Risiko.

Lest hier das ausführliche Interview mit den Extrembergsteigern Roger Schäli und Christoph Hainz vom Salewa alpineXtrem-Team in sechs Teilen. Teil 6: Roger Schäli und Christoph Hainz über Authentizität im Filmbusiness.
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Kommen wir auf den Nordwand-Film zu sprechen, der im Herbst in die Kinos kommen wird. Wir haben den Film zwar noch nicht gesehen, aber die thematisierte Historie der Eiger Nordwand ist weitläufig bekannt. Wie würde eine solche Rettungsaktion heute ablaufen?
Christoph: Das ist nicht vergleichbar. Heute könnte man einen Helikopter und diverse andere technische Errungenschaften einsetzen. Vorausgesetzt, das Wetter lässt das zu. Bei schlechten Bedingungen ist auch der Helikopter nutzlos. Aber dank der heute verfügbaren Materialien wäre schon einiges möglich.
Roger: Wobei man auch heute nicht vergessen darf, dass wenn man bei einer Erstbegehung in der Wand ist, bei schlechtem Wetter trotzdem niemand kommen und dir helfen kann. Selbst, wenn die weltbesten Kletterer am Berg sind. Wenn man die Situation relativiert und eine vergleichbare Szene heute aufbauen würde, hätten die Rettungsbedürftigen auch keine besseren Chancen. Wenn man irgendwo in Alaska oder im Himalaja in einer Wand ist und das Wetter schlecht wird, stehen die Chancen schlecht, gerettet zu werden. Auch wenn die Zivilisation in der Nähe ist. Das spielt keine Rolle. Die Risikobereitschaft der Retter ist sicherlich nicht größer geworden. Die haben sicher auch damals das Maximale versucht, so wie ich die Geschichte und die Bilder kenne. Natürlich ist die Rettung aus der Luft heutzutage revolutionär.
Denkt ihr, dass ein Film die Ereignisse am Berg authentisch darstellen kann? Die Produktion ist zum Teil im Studio entstanden. Die Schauspieler sind natürlich keine Profikletterer. Denkt ihr, dass der Realitätsbezug dabei verloren geht?
Roger: Ich habe selbst in einem ähnlichen Projekt mitgearbeitet und muss sagen, dass die Aufnahmen verblüffend echt aussehen. Ich bin in diesem Rahmen selber geklettert und habe versucht, mich in die Aufgabe hinein zu fühlen. Ich denke, da wird eine sehr gut Arbeit geleistet. Aber man müsste natürlich die Leute um Toni Kurz selber fragen, wie realistisch die Darstellung ist. Ich habe kurze Ausschnitte gesehen und das ist schon sehr emotional, besonders für einen Bergsteiger, der sich damit befasst. Ich bin selbst schon mal an einem Hanfseil gehangen, mit einem Klappmesser in der Hand. Wie realistisch das ist, weiß man nicht. Aber die Kleider sind echt, die Stellen sind echt, also denke ich wird die Abweichung nicht sehr groß sein.

Foto: Visual Impact / Thomas Ulrich
„Das Filmbusiness ist eine ganz andere Welt“
Sehen die Extremsituationen auch für Bergsteigerprofis und nicht nur für den durchschnittlichen Kinobesucher realistisch aus? Oder ist so etwas mit Drehteam nicht nachstellbar?
Christoph: Das Ganze muss einfach so authentisch als möglich wiedergegeben werden. Es macht schon einen Unterschied, ob die Tragödie wirklich stattgefunden hat oder eben nur nachgestellt wird. Das hängt vom Film ab, wie gut und realistisch das rüberkommt, wie emotional die Leute mitgerissen werden und wie gut sie sich in die Situation der damaligen Erstbegehung rein versetzen können.
Ihr ward selbst schon für diverse Bergfilmproduktionen im Berg. Hat euch das Filmen dabei sehr eingeschränkt oder konntet ihr euch voll auf eure Leidenschaft konzentrieren?
Roger: Für mich ist das Filmbusiness schon eine ganz andere Welt. Nicht unbedingt meine Welt, auch wenn es sehr interessant ist. Das erste Mal haben wir mit Amerikanern gearbeitet. Bei dieser Produktion war es so, dass es immer lange sehr ruhig war und plötzlich wurde es sehr hektisch. An diesen Rhythmus muss man sich erst gewöhnen. Dann hatten wir einmal eine IMAX-Produktion und eben die Toni-Kurz-Geschichte für Channel 4. Die Engländer waren ein Stück besser organisiert, hatten sehr viel Bergführer. Das Endprodukt überrascht mich immer sehr. Durch die Schnitte und die Aufbereitung schaffen sie es, ein sehr authentisches Produkt zu produzieren. Während der Arbeiten denke ich ab und zu, dass da gar nichts dabei herauskommt. Aber die haben ein gutes Verständnis und ein gutes Gefühl für die filmische Darstellung. Ich bin viel zu sehr Laie, um das nachvollziehen zu können. Auch der „Nordwand-Trailer“ hat mich sehr beeindruckt.
Christoph: Ich war beim Film „Cliffhanger“ dabei, der vermutlich jedem ein Begriff ist. Für so eine amerikanische Produktion braucht man sehr viel Geduld. Es geht einfach nichts weiter. Es gab Tage, da haben wir nichts gemacht. Wir mussten zwar immer da sein, aber kamen nicht zum Einsatz. Wir haben zehn Stunde am Flughafen gestanden und sind nie weg geflogen. Dann gab es wiederum Situationen, in denen sie uns auf alle Gipfel gleichzeitig fliegen wollten. Man braucht, wie gesagt, sehr viel Geduld für solche großen Projekte und wundert sich immer wieder, wie sie es dann doch zu Stande bringen, einen spektakulären Film zu drehen.

Foto: Visual Impact / Thomas Ulrich
Künstler und Handwerker
Also steht der Dreh am Berg im deutlichen Gegensatz zu dem, was das Bergsteigen für dich ausmacht – den Alltag ablegen und um einen herum nur die Berge?
Roger: Man muss das Drehen als Arbeit sehen, sonst ist das ärgerlich. Das hat weder Hand noch Fuß. Das sehe ich so, weil ich Laie bin und die sind Profis. Einmal hat einer vom Drehteam gesagt: „It’s unbelievable, that we are the best in this business!“ Da waren die Bedingungen perfekt und alles aufgebaut, aber die benötigten Filmrollen waren nicht vor Ort. Alle am Set mussten lachen. Die sind Künstler. Wir sind Handwerker. Das sind zwei verschiedene Fronten. Wir haben auch viel gelacht und ich würde auch sofort wieder für die arbeiten, aber ich möchte nicht zu 100 Prozent im Filmgeschäft tätig sein. Irgendwann wirst du da verrückt. Oder so wie sie: Kein Helikopter und dann vier auf einmal.
Christoph: Ich kann mich noch gut an die Dreharbeiten zu „Cliffhanger“ erinnern. Es gab da eine Situation: Wir sind von Cortina auf die Mamolata hoch geflogen und sind nicht auf dem Gletscher gelandet, wo es schön einfach gewesen wäre. Die wollten direkt oben auf dem Grat der Mamolata landen, wo er eigentlich nicht landen kann. Irgendwie haben sie es doch geschafft, uns nach zwei bis drei Ansätzen da raus zu lassen. Wir haben aber den ganzen Tag auf dem Gletscher verbracht, nachdem wir die fünf Minuten vom Grad zum Gletscher wieder abgestiegen sind und hatten eigentlich nichts zu tun. Da war nichts zu teuer. Geld spielte einfach keine Rolle. Am Morgen wurden alle Darsteller verteilt, ihnen anschließend mit dem Helikopter die belegten Brote nach geflogen und am Abend wurde alle wieder eingesammelt. Das war für mich eine andere Welt. Man muss es als Arbeit sehen. Dann kann es auch schön und amüsant sein.
Roger: Man lernt irgendwann umzuschalten, nicht mehr mit zu denken. Es ist nicht deine Aufgabe, etwas zu koordinieren. Man muss sich anpassen und das Beste geben. Es ist schön, beides zu haben: die Realität und das Filmen. Man lernt tolle Leute kennen und es ist eine sehr gute Erfahrung. Erst kommt es beim Hinflug zu einem Double-Einsatz auf jede Minute an, anschließend kommt man mit dem Helikopter an und es geht eine ganze Stunde nichts mehr. Teilweise war es schwer, den Ernst zu bewahren. Filme in den Bergen zu drehen, ist immer heikel. Für die Leute, die so etwas organisieren, ist es vermutlich sehr schwer, die Grätsche zwischen Action und Sicherheit, Zeit und Geld zu schaffen. Da kann schnell mal etwas schief gehen.

Foto: Visual Impact / Thomas Ulrich
Klimatische Bedingungen als Besonderheit
Mit eurem Alaskaprojekt seid ihr wieder in der Realität. Wie fühlt ihr euch vor so einem Vorhaben? Überwiegt die Vorfreude oder seid ihr sehr aufgeregt? Wie bereitet man sich auf so eine Tour vor? Was beschäftigt einen?
Christoph: Sobald man den Flug hinter sich hat, erkundet man die Gegend, dann sieht die Welt schon wieder ganz anders aus. Ich beschäftige mich erst im kurz davor mit einem Projekt, bereite mich erst sehr spät darauf vor und mache mir nicht schon einen Monat vorher Gedanken, ob ein Eisbär kommt, jemand in eine Gletscherspalte fällt oder wir drei Meter Neuschnee haben. Man muss sich der Situation anpassen und die Dinge gelassen sehen.
Roger: Da ich noch nie in Alaska war, freue ich mich sehr auf die neue Gegend. Ich habe schon viel darüber gelesen, viel darüber gehört und es herrscht auf jeden Fall Vorfreude vor. Das raue Klima und die Kälte zu erleben, ist für mich mit das Spannendste. Ich denke nicht, dass ich viele neue Erfahrungen im Bergsteigen sammeln werde. Die klimatischen Bedingungen werden die Besonderheit ausmachen. Im Himalaja herrschen bei schönem Wetter ähnliche Verhältnisse wie in den Alpen vor. In Alaska ist das mit Sicherheit anders und ich bin gespannt, wie man sich dort verhalten muss. Die Logistik wird vermutlich die größte Herausforderung sein. Bis man eingerichtet ist, alle mit Wasser versorgt sind, dass niemand friert in der Nacht. Allein das Hinkommen zum Aufstieg wird eine Herausforderung werden. Da gibt es sicher einiges zu erleben.
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