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Wenn der Berg ruft: Teil 4
Zwischen Faszination und Risiko.

Lest hier das ausführliche Interview mit den Extrembergsteigern Roger Schäli und Christoph Hainz vom Salewa alpineXtrem-Team in sechs Teilen. Teil 4: Roger Schäli und Christoph Hainz über die Bezwingung der Eiger Nordwand und die Magic Mushroom Route.
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Der Eiger in den Berner Alpen blickt auf eine lange und bewegte Bergsteiger-Geschichte zurück. Ihr selbst habt die berüchtigte Eiger Nordwand mehrmals bezwungen. Wie sehr ist man sich während des Aufstiegs der Historie des Berges bewusst?
Christoph Hainz: Ich glaube, dass die Eiger Nordwand ernst zu nehmen ist, weiß man. Das wird auch jeder Bergsteiger tun. Aber unser Ziel war es, eine neue Linie zu gehen, die Roger kannte. Er ist dort der Insider und ich bin der Dolomiten-Kletterer. Deswegen habe ich mich einfach führen lassen. Ich muss sagen, für den Herbst, in dem wir die Route gegangen sind, waren die Verhältnisse schon sehr widrig. Es hatte einen halben Meter Neuschnee und ich war lange nicht davon überzeugt, dass das überhaupt funktioniert. Roger war von Anfang an immer motiviert und hat mich ein bisschen mitgezogen. Als wir mit den Knien aus dem Schnee raus waren und die Wand steiler und trocken wurde, kam meine Motivation. Ich denke, Motivation ist etwas sehr wichtiges beim Bergsteigen. Ich habe Feuer gefangen und war dann auch ein guter Seilpartner für Roger.
Roger Schäli: Ja, sehr gut, direkt ab durch die Mitte. (lacht)
Seid ihr während der Neuerschließung an einen Punkt gekommen, ab dem ihr Angst hattet, zu scheitern und umkehren zu müssen?
Roger Schäli: Schon mal wortwörtlich mit dem Kopf in der Schlinge gesteckt? Du rutscht ab und dann hängst du da. Solche Szenen kann es geben. Aber ans Aufgeben haben wir nie gedacht. Sofern sich keiner bei einem Sturz verletzt und solange das Wetter hält. Das Wetter ist immer ein großer Unsicherheitsfaktor. Wenn es zu regnen oder schneien anfängt, die Wand vereist und du nicht mehr hoch kommst. Unsere Teammanagerin hat über das Jahr öfter mal nachgefragt, ob wir die Route dieses Jahr noch schaffen. Christoph hat immer die Kohlen aus dem Feuer genommen. Dann hatten wir das Glück, dass das Wetter gehalten hat und wir ganz oben herausgekommen sind. Ein wirklich schönes Erlebnis. Der Pilz ist schon ein mystischer Platz. Ich habe ihn früher schon erkundet und hatte die Route schon länger im Auge. Man muss dort einfach den richtigen Seilpartner haben und die richtige Zeit erwischen. Wenn dann alles stimmt, ist es einfach schön. Irgendwann ist die Zeit reif. Und die Zeit war reif. Dabei sind schöne Bilder entstanden.

Foto: Visual Impact / Thomas Ulrich
Magic Mushroom Route
Welche ganz besonderen Erfahrungen würdet ihr von der Erschließung der Magic Mushroom Route hervorheben?
Christoph: Zum eine die Tatsache, dass es die Eiger Nordwand ist. Das rundet meinen ganzen Erstbegehungszyklus sehr schön ab. Für mich ist zudem die Felsqualität im rechten Teil der Nordwand etwas Besonderes. Die Wand gilt eigentlich als brüchig und gefährlich. Dagegen ist dieser rechte Teil ein sehr guter, sehr steiler Fels, der extrem sicher ist. Das hat schon motiviert, hier eine Route zu eröffnen.
Wie kam es zur Namensgebung? Wer hat sich das ausgedacht und warum?
Christoph: Es ist alles auf den Felspilz zurück zu führen. Wenn man den das erste Mal sieht von der Westwand aus, dann bleibt man mit offenem Mund stehen und staunt, dass dieser Stein da oben stehen kann. Unten hat er einen Durchmesser von circa drei Metern und oben von zwölf. Noch imposanter ist das Ganze, wenn man unter diesem Pilz steht. Man denkt sich, dass er beim Hochklettern durch das zusätzlich einseitige Gewicht umkippen wird. Obwohl da ein Bergsteiger nicht mehr als eine Ameise ausmacht. Aber er könnte sich trotzdem irgendwann verabschieden und dann hast du Pech gehabt, warst zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort.
Für einen Erstbegeher schlagt ihr eine Schwierigkeitsbewertung von 7c und orientiert euch dabei an der französischen Bewertungsskala. Wie kommt so eine Bewertung zustande?
Christoph: Ich denke, die Skala ist bei Bergsteigern gängig. Wenn man so eine Einstufung bekannt gibt, weiß eigentlich jeder, womit er es zu tun hat und was auf ihn zukommt. Es gibt verschiedene Skalen, zum Beispiel in machen Bewertungen eine Gefährlichkeitsskala. Anhand dieser Informationen kann ich mir ein Bild davon machen, was mich erwartet, wie eine Route abgesichert ist und was ich mitnehmen muss. Somit kann ich mich gut im Vorfeld entschließen, ob ich eine Route machen will oder nicht. Deshalb sind die Skizzen der Erstbegehungen immer sehr ausschlaggebend und sollten einigermaßen genau sein.

Foto: Visual Impact / Thomas Ulrich
„Klettern ist eine Art Droge“
Werden Bewertungen auch im Nachhinein von den Kollegen diskutiert und eventuell geändert?
Christoph: Ja, das Ganze ist eben nur eine Information und die Schwierigkeiten werden sich immer ein bisschen ändern. Es kann Fels weg brechen und somit eine Stelle schwerer oder leichter werden. Dann werden bestimmte Schlüsselstellen von den Profis diskutiert. Es kann zum Beispiel auch sein, das eine Stelle für Roger schwerer ist als für mich, weil er kleiner ist. Oder umgekehrt. Für mich kann ein Überhang schwerer sein, als für Roger, weil er mehr Kraft hat. Das ist ganz unterschiedlich. Aber um noch einmal zur Namensgebung zurück zu kommen: wir wussten, es muss irgendwas mit Pilz zu tun haben
Roger: Für mich war das eigentlich nahe liegend, „Magic Mushroom“ - eigentlich könnte der Pilz ja auch magic sein. Es hat auch mit dem Drogen-Motiv zu tun. Wenn du erst unten stehst und dann oben und dann kommt dir noch einer der Base Jumper entgegen, die zum Teil vielleicht auch Joints haben...
Christoph: ...die Pflücken schon ein paar Pilze.
Roger: Die Leute sind im Rausch und wenn du voll konzentriert kletterst, bist du auch in einem Rausch, in einer Art Trance. Der Name lässt zwei, drei Fragen offen. Der eine schmunzelt. Der andere denkt sich, die sind doch sowieso nur drauf.
Und für euch ist das Klettern wie eine Art Droge?
Roger: Ja, Klettern ist sicher einer Droge.
Kommen wir noch einmal zu der Frage des Schwierigkeitsgrades zurück.
Roger: Ich denke, nächsten Sommer wird auf der Route reger Kletterbetrieb sein. Dann wird sich wahrscheinlich auch die definitive Schwierigkeitsfrage stellen. Wir haben die Route nicht komplett Rot-Punkt geklettert, sondern nur in Teilstücken. Wir hätten Lust, das noch zu vollenden. Aber da muss das Wetter, die Form und vieles mehr stimmen. Die Wiederholer werden bestimmt im Rausch des Pilzes stehen müssen, starke Kletterer sein, wenn sie ganz darauf wollen. Geschenkt wird der Pilz sicherlich nicht.
Christoph: Sonst kann man sich auch wieder abseilen.
Roger: Ja, abseilen kann man da. Im Gegensatz zur klassischen Route ist das möglich. Mit zwei bis drei Wandpendeln geht das.
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[ MR ]
     [04.09.2008]
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