
Zwischen Faszination und Risiko.Lest hier das ausführliche Interview mit den Extrembergsteigern Roger Schäli und Christoph Hainz vom Salewa alpineXtrem-Team in sechs Teilen. Teil 1: Roger Schäli über seine Anfänge, die Ängste am Berg und neue Herausforderungen.
Anzeige Roger, würdest du uns zum Einstieg einen kurzen Überblick über deine bisherige Bergsteiger-Karriere geben? Wie bist du zum Bergsteigen gekommen? Welchen Gipfel hast du als erstes erklommen? Sind deine Eltern sehr besorgt, wenn du auf Tour bist?
Roger Schäli: Begonnen hat das Bergsteigen in meiner Heimat mit meinem Vater, in Sörenberg, in der Nähe von Luzern. Es wurden Klettertouren in einem kleinen Skigebiet unternommen. Mein Vater ist in der Bergrettung und nahm mich bei Tagesübungen mit. In diesen Jahren bin ich parallel zum Bergsteigen auch lange Skirennen gefahren. Somit stand irgendwann die Entscheidung zwischen Skirennen oder Bergsteigen an. Mein Vater meldete mich beim Schweizer Alpenclub an und ich ging eine Tour mit dessen Jugendorganisation (JO). Das hatte eine Auslösefunktion. Die Organisation ist eine wirklich aktive Gruppe mit einer tollen Kameradschaft. Den ersten größeren Ausflug machte ich im Alter von 14 Jahren ins Berner Oberland. Mein Vater hat immer so eine Ruhe und macht sich keine Sorgen wegen der Gefahren der Kletterei. Während meine Mutter eher beunruhigt ist, sich aber inzwischen auch damit abgefunden hat.
Sind bei euch Extremsportlern prinzipiell Ängste am Berg vorhanden?
Roger: Nein, bei mir nicht. Wenn ich Angst habe, kehre ich um und gehe nach Hause. Bei Touren mit großer Ungewissheit rattert es natürlich im Kopf, aber am Berg spürt man schnell, ob eine Route funktioniert. Es gibt deutliche Signale, wie beispielsweise die Schneelage und das Wetter. Wenn ich am Berg bin, harmoniert es entweder oder ich kehre um. Als Bergführer verkauft man Sicherheit und die Berge besitzen eine große Unberechenbarkeit. Wir sind eigentlich nur Geduldete. Wir können uns gut vorbereiten und gutes Material mitnehmen, aber werden immer nur ein kleiner Mensch in einer großen Landschaft bleiben, in der man nicht heroisch wird, sondern Demut zeigt. Das Spiel mit dem Berg ist eine große Faszination.
![]() Foto: Visual Impact / Thomas Ulrich Risikomanagement ist wichtig Ist eine Entscheidung zur Umkehr oder zum Weitergehen auch eine Sache des Bauchgefühls und nicht nur der Erfahrung und der Vernunft?
Roger: Ja, es geht immer auch um Intuition und mein Bauchgefühl.
Macht es einen Unterschied bei deinen Entscheidungen, ob du als Bergführer oder alleine unterwegs bist?
Roger: Es geht immer um ein gewisses Risikomanagement. Mit Gästen musst du dich immer rechtfertigen können. Aber man muss auch schon etwas bieten, zum Beispiel steile Hänge und gute Abfahrten. Alleine geht man ein höheres Risiko ein, geht an die Grenze, wenn man etwas leisten und sich steigern will. Aber es passt entweder, oder es passt nicht. Und wenn es nicht passt, muss man es halt sein lassen.
Suchst du immer nach neuen, größeren Herausforderungen wie beispielsweise neuen Routen? Kann es gar nicht spannend genug sein, wenn man schon so lange klettert?
Roger: Es geht zum Teil darum, neue Gegenden kennen zu lernen, wo man Initiative und Engagement zeigen muss. Andererseits darum, neue Schwierigkeiten zu bewältigen, neue technische alpine Herausforderungen oder auch psychische zu meistern. Es geht darum, raus zu gehen, um ein Abenteuer zu erleben. Aber auch um Rechtfertigung bei der Familie, der Freundin oder Freunden. Wenn ich sterbe, bin nur ich weg. Aber ich bin mir sehr bewusst, was man den anderen damit antun würde.
![]() Foto: Visual Impact / Thomas Ulrich Stressfaktor Alltag Was ist deine nächste große Herausforderung? Oder gibt es irgendein bestimmtes Ziel, das du erreichen möchtest?
Roger: Ja sicherlich. Zuhause in den Alpen habe ich noch viele Ideen. Da ist es immer schwierig, weil ich zu einem Teil für Gäste arbeite und zum anderen für mich selbst. Es stellt sich die Frage, welche Zeit nimmst du dir um ein Projekt zu realisieren und wann bist du kletter technisch in Hochform. Das ist immer periodischen Schwankungen unterworfen. Mit dem Wetter und den Verhältnissen ist es bei uns in den Alpen auch schwierig. Wenn du ins Ausland, nach Alaska oder ins Himalaja gehst, kannst du dir genau sagen: okay, zwei Monate und du kannst dich hundertprozentig darauf konzentrieren. Daher ist es manchmal sogar einfacher oder angenehmer, die Projekte im Ausland zu realisieren. Aber ich möchte trotzdem noch in der Heimat aktiv sein. Auch wenn die Welt dort zum Teil sehr stressig ist. Telefon, soziale und geschäftliche Termine stellen eine Ablenkung dar. Daher gibt es auch sehr wenig Profibergsteiger, die zu hause tatsächlich Projekte realisieren. Dies ist ein ausschlaggebender Grund, sich abzuschotten. Diesen Winter habe ich beispielsweise versucht, alle sechs großen Nordwände zu erklimmen, was ich auch realisieren konnte. Das auf die Reihe zu kriegen – zwischen all den Sachen, die im täglichen Leben auf einen zukommen – ist schon ein großer Stressfaktor.
Ist die räumliche Trennung gut, um den Kopf frei zu haben und gedanklich weg von Zuhause zu sein?
Roger: Ja, denn dann gibt es nur noch die Sache und du kannst dich ganz darauf konzentrieren. Man ist effizienter. Aber ich möchte nicht immer weg fliegen, um gute Leistungen zu bringen, weil wir hier zu hause so ein tolles Spielfeld haben.
Am 23.02.2008 wurde deine kurz vorher zusammen mit Simon Anthamatten aufgestellte Bestzeit auf der Heckmair Route am Eiger unterboten. Daniel Arnold und Stephan Ruoss erklommen den Gipfel in sechs Stunden und zehn Minuten und damit 40 Minuten schneller als eure Seilschaft. Fühlst du dich herausgefordert, wenn einer deiner aufgestellten Rekorde gebrochen wird? Oder ist das „Am-Schnellsten-Sein“ gar nicht so interessant und eine neue Route zu finden spannender?
Roger: Mein Tipp ist, dass das Speedklettern schon eine Zukunft hat, vor allem weil es von den Medien sehr gut aufgenommen wird und sehr gut greifbar beziehungsweise messbar ist. Eine neue Route, die in einem abenteuerlichen Gebiet stattfindet, ist den Leuten schwieriger zu vermitteln. Sie können das nicht erklären. Wir sind im Freikletter-Zeitalter und vielleicht geht der Trend wirklich zum Speedklettern über. Es macht schon sehr viel Spaß, große bekannte Routen schnell zu klettern. Man kommt in einen Temporausch. Die Eiger ist ein Berg, da kannst du nicht erzwingen, schneller zu sein wie zum Beispiel auf der Tartanbahn. Die Bedingungen müssen passen. Wir haben die Eiger als Erste in diesem Winter gemacht und hatten mit Schneeverfrachtungen in schwierigen Passagen zu kämpfen. Der Speedrekord war nicht unsere oberste Priorität, sondern wir wollten die Eiger an einem Tag im Winter von Bern aus und wieder zurück absolvieren. Ich möchte allerdings sicher wieder einmal mit einem Kollegen in die Eiger einsteigen und schauen, wie lange wir brauchen. Aber da liegen Freud und Leid sehr nah beieinander. Dir rutscht einmal ein Steigeisen weg und du hängst nicht 20, sondern 40 Meter tiefer und bist verletzt. Deswegen muss man mit Prognosen vorsichtig sein.
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